Wippe – Michael Wieprecht +

Lange Zeit habe ich dich nicht mehr gesehen, lieber Wippe! Und jetzt ist es so, dass du gegangen bist aus dieser Welt. Wir sehen uns nicht mehr – zumindest hier nicht. Jetzt ist es so.

Obwohl! Wenn ich das nahekommen lasse, was ich von dir und deinem Leben erlebt habe. Beides hat in dieser Welt schon zu deinem Leben gehört: Dein Gefühl und Leiden, nicht gesehen zu werden in dem, was dir wichtig ist, was dein Bedürfnis ist, was du bist. Und genauso, dass du dir schwer damit getan hast, dich zu zeigen – dir selbst mit deinem Fühlen und deiner Art das Recht zu geben, da zu sein. Du hast dich lieber versteckt, unsichtbar gemacht. Wolltest gesehen werden und doch auch wieder nicht. Hast dich mit dem, was dir Sicherheit gab, zurückgezogen in deine Wohnung und in dein Inneres. Hast dort deine Dinge gesammelt. Behütet. Bedacht. Deinen Sohn, den du über alles liebst und der dir das Wichtigste ist. Immer hast du als erstes von ihm erzählt. Deinen Hund Charly – „Mucki“ nanntest du ihn liebevoll.

Cool, unberührbar hast du dich gegeben. Du wolltest nicht wieder berührt, verletzt werden. Wolltest den altbekannten Schmerz in dir nicht wieder spüren. Und ich erinnere deine (Ver-)Suche, diese Dinge mitzubringen, heraus zu schreien, loszulassen. Dein Unrechtsempfinden. All die Ungerechtigkeit, die du abgekriegt und ausgehalten hast in deinem Leben von klein auf. Die Demütigungen. Deinen Sohn vor so etwas zu beschützen und zu bewahren. Das war deine große Sorge.

Äußeres Zeichen für deine Suchen nach deiner wahren Würde und Größe sind für mich deine Klamotten. Dein eigener Stil. Gut gepflegt, sauber, geschmackvoll. Auch davon hast du viel mitgebracht zu uns in Die Brücke. Auch auf diese Art tragen viele dich weiter – ein Stück von dir, das kleidet, umhüllt und Wärme schenkt.

Danke für dein Leben mit uns, lieber Michael! Du führst mich dadurch auch zu mir selbst.                  Uwe

Thomas Engel+

Heute erhielt ich den Anruf, dass du gestorben bist. Für mich zu plötzlich – das tut weh.
Du warst so klug, Thomas. Talentiert. Der treueste Freund, den man sich nur wünschen kann.
Mitfühlend, lustig. Aber auch schrill, uneinsichtig, laut und manchmal nervig.
Eins warst du immer: authentisch und ehrlich.
Die Krankenwohnung war so lang dein zu hause.
Du kümmertest dich oft um die, die Hilfe und Unterstützung brauchten.
Das war deine zweite Familie, und wir alle, so kann man sagen, sind dort zusammen älter geworden.
Jetzt kannst du wieder laufen, so viel du nur willst, ohne Schmerzen.
Ich bin so froh, dass wir uns vor nicht zu langer Zeit noch einmal gesehen haben. Du hast dich so gefreut.
Ruhe in Frieden, lieber Thomas. Du wirst uns fehlen!
Deine Krankenwohnungs-Familie – das kommt von Herzen –
(Sabine)

Jörg Döll+

Wie viele Wohnungen hast du geräumt und renoviert, lieber Jörg! Wie viele Leben dadurch mitgetragen! Ein zupackender Handwerker. Warst dir nicht zu schade, anderen dabei zu helfen, ihr Leben zu ordnen und zu bewältigen. So sachlich hast du immer davon erzählt, als ob es nicht der Rede wert sei. Aber viel äußere und innere Last hast du dabei mitgetragen. Und dein lautes Lachen, daran erinnere ich mich gern. Ich wünsche mir, du entdeckst die geheimnisvolle Ordnung in deinem eigenen Leben jetzt auch mit einem Lächeln. Und lässt deine Frau, deine Kinder und deine Freundinnen und Freunde daran teilhaben.                                       Uwe

Klaus Löffel+

Es war deine Entscheidung, Klaus, diesem Leben einen Endpunkt zu setzen. Ewig auf der Suche warst du. Du hast es als einzigen Kampf erlebt, den du nicht mehr weiter führen wolltest. Das haben wir zu respektieren. Und selbst in diesem Abschied hast du noch schlicht und dankbar viele wahrgenommen und mit einem zugewandten Wort beschenkt, das jetzt noch wirksam da ist.             Uwe

Mongolen-Ralf+

Ralf Zilligen – den Meisten war er als Mongolen-Ralf bekannt. Als Erklärung zu dem Spitznamen sagte er immer grinsend: „Das ist, weil ich aus der Mongolei hierher geritten bin. Und auf dem Weg habe ich Hunger gekriegt und mein Pferd aufgegessen.“ Noch nicht lange war er überglücklich endlich wieder in einer eigenen Wohnung für sich. Und er hatte auch schon eine Ahnung, dass seine Zeit in der sichtbaren Welt dem Ende entgegen ging. Beim UD-Festival im Sommer sagte er schon: „Das ist mein letztes UD.“

Bailey+

Sandra musste ihren Bailey gehen lassen. Immernoch vermisst sie ihn sehr. Mit seiner Dackelfreundin Sissy war der schwarze, edle Dackelrüde regelmäßiger Gast in der Brücke. Zurückhaltend, fast misstrauisch und sehr aufmerksam prüfend war er immer da. Nicht jeden hat er nahe an sich rangelassen. Da hat er in seiner instinktsicheren Art mich oft daran erinnert, dass es manchmal auch gesund ist, vorsichtigen Abstand zu halten und sich langsam anzunähern.                Uwe

Michael+

Micha+

Da sitze ich in der fernen großen Stadt und mich erreicht die Nachricht, dass Micha gestorben ist.

Micha ist tot. Das geht in meiner Vorstellung GAR nicht. Ich habe Micha schon lange nicht mehr gesehen. Und außer den Postkarten zu den üblichen Feierlichkeiten habe ich auch schon lange nichts mehr von ihm gehört. Somit weiß ich natürlich nicht, wie es ihm wirklich geht…bin aber immer davon ausgegangen, dass alles gut ist. Das stand auch auf seiner Weihnachtskarte vom Dezember, dass sich viel getan habe in seinem Leben und es ihm gut gehe.

Micha und ich, wir waren über zehn Jahre ein Team. Micha und die Sozialarbeiterin, manchmal aber auch Micha und Michi.

Jede Woche haben wir uns getroffen. Wir haben viel erledigt, viel geredet, viel gelacht, aber auch viel miteinander gestritten.

Micha ist wie ein kleiner Junge, macht wonach ihm der Sinn steht, auch wenn es ihn in große und kleine Schwierigkeiten bringt und er dadurch oft den Ärger seiner Mitmenschen auf sich zieht. Egal, sagt er dann. Ich bin mir sicher, es ist ihm nicht egal. Er fühlt sich alleine und missverstanden.

Micha ist für mich ein ständig unterschätzter, liebenswerter, liebevoller, lebenslustiger, genussfreudiger, witziger, gerissener, hilfsbereiter, glücksuchender Mann.

 

Ich bin mir sicher, er wird uns allen fehlen. Ich hoffe, er weiß das.

Michaela

 

 

Nikola P.

Nikola war klug, liebenswürdig und gebildet.

Er hatte zwei zuhause, ging über das Wochenende lange Zeit noch heim.

Unter der Woche war er in der WG.

Nikola brachte Leben in die WG, half oft und gerne in der Küche.

Das war dann die Zeit für schöne Gespräche.

Nikola genoss die Gesellschaft in der WG und wir die seine.

Er hörte klassische Musik, schaute gerne Dokumentationen.

Wir Kolleginnen und Kollegen konnten oft von seinen Ausführungen und Erklärungen etwas lernen.

Er scherzte gerne, hatte viel Humor.

In der letzen Zeit, als er bettlägerig wurde, blieb Nikola freundlich, in sich ruhend und gelassen. Er war sich seiner Situation sehr wohl bewusst, sprach auch darüber.

Nikolas Bruder Kristo kam oft zu Besuch. Er wurde schnell ein wichtiger Teil der WG Gemeinschaft und von allen sehr geschätzt .

Nikola hatte treue Freunde über Jahrzehnte hinweg, die ihm und Marinus bis ganz zum Schluss zur Seite standen.

Marinus, sein Lebens Partner. Voller Liebe, unermüdlich und zu Herzen rührend hat er Nikola mit uns erst unterstützend, nach der Schließung der WG zuhause alleine, voller Liebe umsorgt und gepflegt. Auch Marinus ist uns Kolleginnen und Kollegen, sowie den Bewohnern sehr ans Herz gewachsen. Er kam uns allen sehr nah, gehörte sehr bald zu uns. Wir alle haben größten Respekt vor allem, was Marinus in Liebe geleistet hat.

Nikola fehlt uns sehr.        Alle Kolleginnen + Kollegen + Bewohner der WG

Günter

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln,
er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um Seines Namens Willen.
(Psalm 23)

Das war Günter, der Diakon.

Bei Andachten mit Thomas Kleine,
der Urnenbeisetzung von Neves, einem Mitbewohner
las Günter gerne diesen Psalm.

Klassische Musik,
ganz viele Lieder,
er konnte auch schön singen.
Blumen,
in guten Zeiten jede Woche ein bunter Strauß –
das brauche ich, sagte er oft.
Bilder an der Wand,
ganz viele,
von Wuppertal, seiner Heimat,
von ihm und den Mitbewohnern.
Schöne Tischdecken und Bettwäsche.
Schön sollte es um ihn herum sein.

Sein Leben war turbulent.
Harte Kindheit,
Familie nicht einfach.
Erst eine Lehre
dann Diakon.
Kirche war sein zu hause,
seine Sicherheit.
Den Boden riss ihm seine Scheidung weg.
Alkohol, am Schluss Obdachlosigkeit
und vieles mehr.

So lernten wir Günter kennen.

Er tat sich schwer mit Ungewohntem, Neuem.
Brauchte lange, sich ein zu leben,
war sehr verschlossen.
Die Krankheit machte ihn milder, umgänglicher, freundlich.
Er nahm oft Rich in den Arm, auch uns Kollegen.
War meist zufrieden, in seiner kleinen Welt.
Im neuen Heim schien er sich wohl zu fühlen,
hatte ein sehr schönes Zimmer.
Die Leute mochten ihn,
das war ihm wichtig.

Er selbst war oft verwundert, wie alt er dennoch werden durfte.
Ließ sich feiern, mit Kuchen und viel Besuch.

Jetzt ist er heimgekehrt, zu einem Vater, den er hier nie hatte.
Und ich bin mir sicher, er macht es sich auch dort ganz schön.

Sabine

Ritch (51 Jahre)

Ich möchte an Ritch erinnern, so wie wir ihn kannten und schätzen lernten im „Häusle“, wie er das alte Haus in Hoheneck nannte, in dem unsere WG untergebracht war. Neues machte ihm Angst, aber nach kurzer Zeit fühlte er sich bei uns wohl. Uns, die wir dort arbeiteten, nannte er liebevoll seine Helferzellen. Humorvoll war er und konnte auch über sich selbst lachen. Als ich nach einem aufwändigen, auch von ihm gewünschten Abendessen ungehalten war, weil mir keiner beim Abräumen helfen wollte, kam er aus seinem Zimmer gerollt und sagte: „Musch’s mir halt sage, i ben halt e Bauer.“
Wenn es ihm gut ging, genoss Ritch die Gesellschaft, war liebevoll mit seinen Mitbewohnern, oft nahm er Günter in den Arm. Er genoss gutes Essen und sagte oft, so gut wie hier, werden wir es nie wieder haben. Musik und Lesen mochte er und die mit Kurt besuchten Konzerte waren immer ein Highlight, von denen er begeistert erzählte. Sein Leben war nicht einfach. Ich habe Ritch aber nie ungehalten oder böse im Umgang mit anderen erlebt, obwohl ihn starke Stimmungsschwankungen quälten. Er war freundlich, respektvoll und wollte niemanden zur Last fallen. Am Schluss schon sehr krank, die WG vor ihrer Schließung, drohte wieder ein Umzug. Das wollte er nicht und er entschied sich zu gehen. So wollen wir uns von Ritch verabschieden in der Gewissheit, dass es ihm jetzt gut geht, wo immer er ist.

Sabine

Dominik (39 Jahre)

Viele waren gekommen, um an seinem Grab auf dem Friedhof in Stuttgart- Münster ihm Lebewohl zu sagen. Er war ein gut aussehender Mann, auf den die Frauen standen, bekannte eine seiner Freundinnen. Er war ein guter Kumpel, direkt und klar in seinen Aussagen, sagte ein Jugendfreund. Auf jeden Fall war er kein Kind von Traurigkeit, wollte das Leben genießen und war glücklich in seinem Freundeskreis. Er hat sich das Recht herausgenommen, anders zu sein, sagte ich in meiner kurzen Ansprache, mit allen Konsequenzen. Das Jahr zuvor hatte Dominik seine Freundin Miriam verloren. Sie fehlte ihm und er machte sich große Vorwürfe, dass er ihr nicht hatte helfen können. Nun sind die beiden vereint, meinte jemand, und das ist doch tröstlich. Ein herzlicher Dank geht an seine Mutter, die uns zu dieser Möglichkeit des Abschiedsnehmens extra eingeladen hat, nachdem die Beisetzung nur im engsten Kreis stattgefunden hat.

Antje

Der Frühstücksraum in der Frauenpension war bis auf den letzten Platz belegt, als wir die Abschiedsfeier für Antje abhielten. Ich kannte Antje als eine stille, freundliche Frau. Nun erfuhr ich, dass sie auch laut durchs Haus brüllen konnte, aber – wie es ihr Wesen war – auf eine Art und Weise, dass man ihr nicht böse sein konnte. Sie hatte viele Chancen in ihrem Leben, war gelernte Krankenschwester, aber immer wieder durchkreuzten Drogen ihre Pläne. Einig waren wir uns, dass sie sich ein charmantes Lächeln, das tief in unsere Herzen hinein strahlte, bis zum Schluss bewahrt hatte.

Domenico (49 Jahre)

Hilfsbereit und ein begabter Handwerker, das sind die ersten Eigenschaften, die mir zu Domenico einfallen. Wer ihn besser gekannt hat, weiß, dass er auch ein guter Koch und herzlicher Gastgeber war. Aber vor allem war er ein Familienmensch. Er war stolz auf seine beiden Söhne und erzählte gern von ihnen. Auf der Suche nach Arbeit war Domenico recht findig. Er arbeitete in der Baubranche. Als es dort aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich war, versuchte er es mit der Selbständigkeit, reparierte Autos, handelte mit Autoreifen und hatte zum Schluss eine kleine Ein-Mann-Spedition. Ein schwerer ökonomischer Druck lastete auf ihn und ließ ihn wegen einer verschleppten Virusinfektion zusammenbrechen. Er erwachte nicht mehr aus dem Koma. Unsere Anteilnahme gilt seiner Frau und seinen Kindern.

Leo (53 Jahre)

Leo, der Löwe, der Name hat gepasst. Aber er war ein gutmütiger Löwe, der sich seiner Kraft bewusst war und sie nicht gegen Schwächere eingesetzt hat. Er war hilfsbereit und ein guter Kumpel. Viele kamen zur Abschiedsfeier in die Brücke, weil der Weg in sei-nem Heimatort, wo das Begräbnis stattfand, zu weit war. Alle waren überrascht, wie schnell Leo gestorben ist. Gut, er war ein paar Mal in letzter Zeit im Krankenhaus. Er hatte Schwierigkeiten mit der Durchblutung der Beine. Aber er war stets optimistisch und vor al-lem ein Kämpfer. Und ausgerechnet am Geburtstag seine Freundin Danni musste er sterben. Sie erzählte mir von den schönen Momen-ten ihrer Freundschaft, einer Sitzbank auf einer Anhöhe mit Blick ins Neckartal. Dort saßen die beiden gern und genossen die friedliche Stimmung. Als tröstendes Wort wünschte sich Danni den Psalm 91, wo Gott verspricht: „Ich bin bei ihm in der Not, befreie ihn und bringe ihn zu Ehren.“

Aki (54 Jahre)

Obwohl Aki schon seit dreieinhalb Jahren an einer schweren Verletzung litt und starke Schmerzen aushalten musste, kam die Nachricht von seinem Tod überraschend. Im Krankenhaus konnte man nicht sagen, woher sein Unwohlsein rührte und – da er Krankenhäuser nicht mochte – nahm Aki das Angebot an, wieder nach Hause zu gehen. Kurz darauf starb er in seiner gewohnten Umgebung. An Aki erinnern in der „Brücke“ die Wände, die er geweißelt hat. Und auch sonst war er hilfsbereit und großherzig mit einem nicht geringen Anteil an Schlitzohrigkeit. Das Besondere an Aki aber war, dass er ein politisch denkender Mensch war. Nicht nur, dass er gegen Stuttgart 21 war, er entlarvte auch mit feinsinnigen Analysen immer mal wieder die große Politik als lebensfern und ungerecht. Dazu gehörte zum Beispiel auch die Kriminalisierung von Cannabis. Einige seiner Freunde besuchten ihn regelmäßig, und vor allem seine Freundin stand ihm bis zuletzt liebevoll zur Seite. Ihnen möchte ich im Namen der Brücke unser herzliches Beileid aussprechen.
Thomas Kleine