Gerd (59 Jahre)

Mit Gerd hat die „Brücke“ einen begabten Handwerker verloren, der uns immer wieder mal mit seinem technischen Verstand und seiner kreativen Ader geholfen hat. Vermissen wird ihn auch der Verein „AIDS und Kinder“ in Heidelberg, bei deren Sommerfreizeit im Taunus Gerd immer Basteln mit Specksteinen angeboten hat.

Freundschaft war für Gerd kein Wort, mit dem man leichtfertig umgeht, sondern ein hoher Wert. Freunde waren für ihn die Menschen, denen er vorbehaltlos vertrauen konnte. Einer davon war Toni, der ihn in den letzten Wochen seines Lebens aufopferungsvoll begleitet und versorgt hat.

Heike (53 Jahre)

Damit es keine Verwechslungen gab, sprachen wir immer von der „Hunde-Heike“ oder der „Minou-Heike“, weil sie mal einen Hund dieses Namens hatte. „Ich kann gut mit Hunden, aber nicht mit Menschen“, war einer ihrer Sprüche.

Es stimmt, sie war eine begabte Hundebetreuerin mit einem guten Gespür für den Charakter eines Hundes. Aber sie konnte es durchaus auch mit Menschen! Ich habe sie als überaus hilfsbereit erlebt und öfters hat sie mich auf Menschen aufmerksam gemacht, die gerade in einer Notlage waren.

Durch ihre Arbeit mit Hunden hat sie einen Freundeskreis gewonnen, der ihr auch während ihrer schweren Krankheit die Stange gehalten hat. Nach vielen traumatischen Erlebnissen und etlichen Turbolenzen war Heike gerade dabei, sich eine neue Existenz aufzubauen, als sie spürte, dass mit ihrer Motorik was nicht stimmte.

Schließlich wurde bei ihr eine sehr seltene Nervenkrankheit diagnostiziert, die sie sehr tapfer ertrug. Als sie jedoch ihre Hunde Asula und Segundo abgeben musste, brach für sie eine Welt zusammen. In unseren Gesprächen ließ sie immer wieder durchblicken, sie wolle so leben, dass man mit Respekt und Dankbarkeit über sie redet. Das hat sie geschafft!

Fred

Fred war die graue Eminenz an der Paulinenbrücke, seine Worte hatten Gewicht, er wurde respektiert. Gesundheitlich ging es ihm zuletzt gar nicht gut und von der Trauerfeier für seinen Freund Ingo haben viele noch seine Worte in Erinnerung „Ingo, ich komm bald nach.“

Ein gutes Jahr nun nach Ingo müssen wir uns von Fred verabschieden. Ich habe Fred schätzen gelernt, als er im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Gedenktag der verstorbenen Drogenabhängigen die Position der Betroffenen eloquent und engagiert eingebracht hat. Danke!

Manu (52 Jahre)

Manus gibt es viele in Stuttgart. Damit es nicht zu Verwechslungen kam, trug die Verstorbene den Spitznamen „Koka-Manu“. Soweit ich weiß, hat sie sich nicht gegen diese wenig schmeichelhafte Bezeichnung gewehrt. Sie stand zu dem, was sie tat und war keine, die ein Blatt vor den Mund nahm. So geradlinig habe ich sie erlebt und deswegen auch sehr geschätzt.

Ihr größter Wunsch war, nicht in einem anonymen Grab bestattet zu werden. Dafür hat sie sogar gespart. Mit der großzügigen Spende einer Kirchengemeinde konnten wir ihr diesen letzten Wunsch erfüllen.

Walter (63 J.)

Walter war Stammgast in der Brücke, aber dennoch weiß ich nicht viel über ihn. Er saß meistens ruhig auf dem Sofa und trank seinen Kaffee. Wenn nicht viel los war, setzte ich mich zu ihm hin und wir plauderten über Gott und die Welt. Er schätzte diese Aufmerksamkeit sehr und bedankte sich immer extra bei mir. Über seine Lebensgeschichte, seine Sorgen und Probleme sprach er nicht. Er wollte niemanden damit belasten und allein klar kommen. Mit gewissem Stolz trug er auch oft die Arbeitsklamotten des SBR, einer sozialen Einrichtung, die Arbeitsmöglichkeiten anbietet. Arbeiten – für sich selber sorgen können – gab ihm Kraft. Leider hat ihn diese Kraft in letzter Zeit etwas verlassen.

Dennoch starb er für mich sehr überraschend an einem Wochenende im Mai. Seine ruhige und hilfsbereite Art wird uns in der „Brücke“ fehlen. Am 7. Juni haben sich seine Freunde und Kollegen von der SBR bei einer ungewöhnlichen, aber eindrucksvollen Feier auf dem Nastplatz von ihm verabschiedet und ihm zum Gedenken eine Blume gepflanzt. Ich zitierte dabei ein Gedicht von Alberto Nessi:

An die, die für immer gegangen sind,
erinnerte ich mich, und mich streifte ein Schauder:
dann sang die Morgenröte mir ihr befreiendes Lied
hell wie eine Geste der Liebe.

Ingo (54 Jahre)

Immer wieder hat sich Ingo aufgerappelt und sich auch von schweren Krankheiten erholt. In den letzten Jahren hielt er sich vor allem vormittags an der „Paule“ in Stuttgart auf und war dort so etwas wie die graue Eminenz, wobei er das Wort „grau“ sicher nicht gern hört. Denn Ingo legte Wert auf sein Aussehen: Lederjacke, schicke Jeans, Cowboystiefel, flotte Frisur. Ingo stellte etwas dar und es war offensichtlich, dass dieser Mann viel erlebt hatte.

Manchmal erzählte er von seiner Zeit auf der Reeperbahn in Hamburg. Er hatte aber auch Tiefgang, forderte Respekt für jeden Menschen ein und war gläubig. Aber er haderte auch ab und zu mit Gott, weil er so vieles an Ungerechtigkeiten auf dieser Erde nicht verstehen konnte. Im Herbst wurde Ingo dann schwer krank und dieses Mal spürten es alle, dass er sich nicht wieder erholen würde.

Kurz vor Weihnachten setzten wir seine Urne auf dem Pragfriedhof bei. Seine Schwester hat das ermöglicht und neben seiner Asche liegt die Flagge der USA, weil sein Traum, dieses Land zu bereisen, nicht mehr wahr geworden ist.

Joachim (56 Jahre)

Ein Kollege aus dem Jugendamt in Pforzheim lobte bei der Trauerfeier Joachim, weil er sich aufgrund seiner Lebensgeschichte gut in die von ihm betreuten Personen einfühlen konnte und deshalb auch für sie Partei ergriff. Und genauso haben wir Joachim in der Brücke erlebt: geradlinig, ehrlich, engagiert, kritisch, hilfsbereit.

Im letzten Jahr ging es Joachim gesundheitlich schlecht, er musste oft nach Stuttgart zum Arzt und nutzte die Gelegenheit, kurz in der Brücke einen Kaffee zu trinken. Bei unserem letzten Gespräch war er noch hoffnungsvoll und zuversichtlich. Er freute sich auf eine Reha-Maßnahme. Im Januar kam dann die Nachricht, dass Joachim überraschend gestorben sei. Das hat uns sehr betroffen gemacht und unser ganzes Mitgefühl gilt seiner Frau Sabine und seinem Sohn Daniel.

Alexander „Bifi“ (52 Jahre)

„Mein Dad war kein heiliger, aber ein ganz besonderer Mensch, er hatte sowohl viele Stärken als auch Schwächen. Er war ein guter Mensch, er war ehrlich, schlau, witzig und zuverlässig, ein Mann, auf den man bauen konnte, wenn es eng wurde. Aber auf der anderen Seite gab es auch Momente mit ihm, in denen er uns zur Weißglut brachte und wir es alles andere als leicht mit ihm hatten. … Ich danke Gott, dass wir die Möglichkeit hatten, uns zu verabschieden, dass wir (in seinen letzten Tagen) bei ihm sein, ihm verzeihen und um Verzeihung bitten konnten. Er war nicht allein, als er seine letzte Reise antrat, er wusste, dass wir ihn lieben und ihn nie vergessen werden! … Eines Tages werden wir wieder vereint sein, bis dahin ist die Erinnerung wie ein Fenster, durch das wir dich sehen können, wann immer wir wollen!

Das ist ein kleiner Auszug aus dem ergreifenden Nachruf, den seine Tochter Vanessa für Alex gehalten hat. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie, die ihm alles bedeutet hat.

Alexander (40 J.)

Alex sprach immer davon, sein Leben in ein Buch zu fassen. Petrus Ceelen, den er sehr schätzte, brachte ihn auf diese Idee. In seinem Nachlass fanden wir das Vorwort:

 „Nach vierzig Jahren, die ich nun lebe, denke ich, wird es Zeit, meine Lebensgeschichte soweit geschrieben zu erzählen. Nicht allen wird gefallen, was ich zu sagen habe, weil es bekanntlich leichter ist, andere zu kritisieren als selbst zur Feder zu greifen. Dass ich selbst alles andere als perfekt bin, weiß ich auch. Aber ich hoffe, mich noch verbessern zu können. Denn, liebe Leute, die Gratwanderung, die Drogenleute durchleben, macht es schwer, immer korrekt zu bleiben. A. Schattmann, 28.1.2013“

Leider bleibt das Buch seines Lebens unvollendet. Die Gratwanderung, von der er schreibt, endete tragisch. Zurück bleiben Erinnerungen an einen Mann, der danach strebte, ein „Krieger des Lichts“ zu sein.

Bruno

Bruno war ein Mann mir Ecken und Kanten, sehr korrekt, ein Schaffer. Am Anfang hat er für alle Bewohner gekocht, auch die Einkäufe erledigt. Selbstständigkeit war ihm immer sehr wichtig.

Für uns war es die größte Freude, dass er seinen letzten Traum verwirklichen konnte. Als er in Rente ging, mietete er sich eine kleine Wohnung, liebevoll eingerichtet. Gesundheitlich waren die letzten Jahre nicht einfach, dennoch hat er es geschafft selbstbestimmt zu bleiben, im Leben und im Sterben.

Wir werden dich vermissen.

Deine WG (Ludwigsburg) (November 2012)

Karin (52 Jahre) + Juli 2010

Als ich 1997 zur Brücke kam, war Karin bereits da. Sie war dieLetzte aus ihrem alten Freundeskreis und hat ihre alten Kumpels mehr als zehn Jahre überlebt. Sie hat oft gesagt: „Alle sind sie gegangen, warum bin ich immer noch da? Bei den meisten Unternehmungen war sie mit dabei. Sie war ein fester Bestandteil unserer Ludwigsburger Gruppe. Karin wurde in ihrem Beruf immer viel abverlangt. Arbeit und schlafen. Aber der Körper und die Krankheit haben ihrem Tribut gefordert. Wir mussten zusehen wie sie immer weniger wurde, immer dünner. Viele Freunde hat sie auf ihrem letzten Weg begleitet. Nun sind wir dran und wir sind sehr traurig.

Liebe Karin, ich glaube, dass es Dir jetzt besser geht und Du wieder mit allen Deinen Freunden zusammen bist, so wie du es Dir vorgestellt hast. Auch wir werden uns wiedersehen. Alfred

Liebe Karin, ich habe dich über meinen Bruder Jörg kennengelernt. Damals warst Du mit Rat und Tat deinen Freunden zur Stelle. Hilfreich, aber auch deutlich und direkt hast Du ihnen in ihren schwierigen Situationen nicht selten den besseren Weg gezeigt. Die in den Jahren verstorbenen Freunde (auch mein Bruder Jörg) haben mir immer wieder erzählt, wie sie durch Gespräche mit Dir Hilfe erhalten haben. Auch mir, als damals mit der Drogenszene total Unerfahrenem, hast Du die Erkrankung meines Bruders zu verstehen gelehrt. Ich bin dankbar, Dir begegnet zu sein.

Kurt

Regina (46 Jahre)

Viele haben Regina gekannt, z.B. von den Ausflügen oder von der Ludwigsburger Stammtischrunde. Die Nachricht über ihren Tod hat uns sehr traurig gemacht. Einer ihrer Freunde hat bei ihrer Trauerfeier einen Nachruf gehalten:

Liebe Familienangehörige, liebe Freunde,
…Unsere Freundin Regina hat ihr schweres Leiden lange mit bewundernswerter Kraft und nie versiegendem Lebensmut bekämpft und ist ihm jetzt doch erlegen. Wir waren darauf vorbereitet und doch sind wir sehr betroffen. Ich glaube aber, was man tief in seinem Herzen besitzt, kann man nicht durch den Tod verlieren…

Liebe Regina, wir werden Dich niemals vergessen. Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen. Lebe wohl, liebe Regina. Ja, ich sage mit Absicht „Lebe wohl“, denn du wirst weiterleben in unserem Herzen und Erinnerungen.

Erinnerungen an Dich gibt es zur Genüge!

  • Deine schönen langen Haare, eine richtige Mähne, die Du jetzt wieder wachsen lassen wolltest.
  • Deine legendäre Schwarzwälder Kirschtorte.
  • Bücher hast Du nicht nur gelesen, sondern verschlungen.
  • Zuviel Schmeichelei und Körpernähe war Dir manches Mal ein Graus.
  • Die schönen Gespräche mit Dir, die uns zum Lachen, Weinen und Nachdenken gebracht haben.
  • Die Bildzeitung musste jeden Tag her, warum? Natürlich wegen dem Kreuzworträtsel.
  • Deine immerzu währende Hilfsbereitschaft, erst die anderen und zum Schluss Du.
  • Deine Pingeligkeit beim Einkaufen: jeder Apfel, jede Tomate, jede Erdbeere wurde, bevor sie in den Einkaufswagen gelegt wurden, mindestens dreimal begutachtet.
  • Dein Wohnzimmer ohne Kerzenlicht?  Das gab es bei Dir nicht!

Danke, vielen Dank, dass wir dich, Regina, kennenlernen durften und so viele gemeinsame Jahre verbringen konnten. Liebe Sabrina, lieber Sven, lebt mit den Erinnerungen und der Liebe eurer Mutter, denn daraus werdet ihr für eure Zukunft die Kraft schöpfen, die ihr brauchen werdet. Auch Dir, lieber Ferdi, gilt unser allergrößter Dank und Respekt, denn durch dich und deine Liebe konnte sie immer wieder neuen Lebensmut tanken… Ich habe im Lexikon nachgeschaut: Da steht, Regina kommt aus dem Lateinischen und heißt „Königin“. Eine Königin warst Du immer für uns, und in Zukunft bleibst Du, liebe Regina, für immer die Königin unserer Herzen.

In tiefster Trauer Tansel Gültekin mit Familie

Walter (69 Jahre) + 2010

Walter kam oft nach dem Mittagessen in die Brücke, er setzte sich an den „Nichtrauchertisch“ und genoss eine Tasse Kaffee. Jedes Mal wenn er kam, habe ich mich gefreut, denn Walter gehörte zu den wunderbaren Menschen, die eine Freundlichkeit ausstrahlen, die einen ganzen Raum durchflutet. Walter hatte in dieser Zeit den schönen Thekentisch für uns bei seinem ehemaligen Arbeitgeber organisiert.

Im November kam er wegen eines Herzinfarkts ins Krankenhaus. Als ich ihn besuchte, war er schon wieder wohlauf und freute sich auf die baldige Entlassung. Es kam aber zu einer unvorhergesehenen Blutung, bei der es keine Rettung mehr gab. Frank Hitt, sein Nachfolger im Amt als Schriftführer, schreibt:

„Walter wurde 1941 geboren und ist am 29.11.2010 im Krankenhaus verstorben und wurde auf dem Böblingen Waldfriedhof beerdigt. Seine Ehefrau hat auf seiner Arbeit in der Kreissparkasse Böblingen kennengelernt. Walter hatte eine Tochter und einen Sohn und natürlich auch Enkel, die er über alles liebte und mit denen er viel unternommen hat. Sie freuten sich immer wenn sie bei ihrem Opa übernachten durften. Walter interessierte sich sehr für andere Kulturen und ist viel in der Welt herumgekommen. Walter war für mich ein besonderer Mensch. Mit ihm konnte man flaxen, aber sich auch ernsthaft unterhalten. Er hat sich da voll auf die Situation eingestellt.

Oft habe ich zu mir gesagt, hoffentlich bin ich auch noch so fit wie Walter wenn ich in seinem Alter bin. Er war so ein richtiges Energiebündel und hat auch sehr attraktiv ausgesehen. Er war aber auch sehr konsequent: Er hatte zwei Welten. Die eine war seine Familie und die andere war sein Leben in Stuttgart.“

Bei seiner Trauerfeier stand sein Familienleben im Vordergrund und manche seiner Stuttgarter Freunde wussten von dem Termin nichts. Frank bietet diesen Freunden an, gemeinsam zum persönlichen Abschiednehmen zu Walters Grab nach Böblingen fahren. Bitte in der Brücke melden!

Fussel (45 Jahre)

Alle kannten sie nur unter diesem Namen, den ihr ihre eigenwillige Frisur eingebracht hat. Ihr Markenzeichen war außerdem, mehrere Schichten Kleidung übereinander zu tragen, aber nicht um sich abzuschotten, sondern um sich warm zu halten. Und diese Wärme verbreitete sie auch, wenn sie auftauchte: Sie war gern gesehen, auch wenn sie es nirgends lange aushielt. Sie war ständig auf Achse, sie fuhr gern Fahrrad. Und natürlich war sie auch meist in Begleitung eines Hundes. Denn Tiere liebte sie. Ich schätzte ihre offene Art, denn sie sagte, was sie dachte, war aber nie verletzend oder aufdringlich.

Die Todesursache wird wohl nie ganz geklärt werden, wie manches in ihrem Leben für Außenstehende rätselhaft und unverständlich war. Tatsache ist, dass Fussel fehlt und viele sie vermissen, besonders auch ihre Mutter.

Andreas Brzoza

Andreas war in den ersten Jahren der „Brücke“ dabei und vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an ihn. Er zog dann zu seiner Frau nach Herbrechtingen. Einmal besuchte ich ihn dort und er erzählte mir von seinem bewegten Leben. Er war aber schon schwer von Krankheit gezeichnet. Ab und zu telefonierten wir miteinander. Beim letzten Gespräch verstand ich nur noch soviel, dass er ins Pflegeheim kommt und dass seine Kräfte dem Ende zugehen. Andreas, ich wünsche dir nun Frieden.

Rainer Z. 1957 – 2010.

Rainer hatte drei Leben. So sagte er selbst. Seine Ausbildung hat er in seinem ersten Leben in einem Modehaus absolviert. Er mochte die schönen Dinge des Lebens und hielt ausgesprochen viel auf sich. Oft hat er es aber auch richtig krachen lassen. Sein zweites Leben begann als er krank wurde. Da lernte er Petrus kennen, der dabei war unsere Brücke zu gründen. Hier war Rainer zusammen mit seinem Vater massgeblich am Aufbau beteiligt. Wir erinnern uns noch gerne an so manche Episode.

Sein drittes Leben begann in Korntal, im  betreuten Wohnen bei der Brüdergemeinde. Hier wurde er liebevoll aufgenommen und versorgt. Seit dieser Zeit hat auch Helene ihr Rainerle regelmässig besucht und betreut. Unsere Helene, immer mit einem Rucksack unterwegs um Kranke zu besuchen, aber zu ihrem Rainerle hatte sie ein ganz besonders inniges Verhältnis. Nun unseren herzlichen Dank an seine Geschwister, die uns bei der Urnenbeisetzung so herzlich empfangen haben.

Alfred

Markus S. (42 J.) +2010

Als ich am Ende der Trauerfeier „Amen“ sagte, rief ein Freund laut heraus, bei Markus hieße das nicht Amen, sondern „Aber“. Denn Markus hätte bei jeder Gelegenheit ein deutliches undbestimmtes „Aber“ gesagt. Markus liebte den Widerspruch, stand zu seiner Meinung und war vielleicht gerade wegen dieser Geradlinigkeit bei vielen beliebt. Die Trauerhalle war voll, man spürte die Betroffenheit über den frühen Tod eines Menschen,der das Extreme liebte, der nie Mittelmaß sein wollte und der nach außen stark und überzeugend wirkte. Wer ihnkannte, wusste aber auch um seine Verletzungen. Besonders tragisch: er starb nur wenige Tage nach der Entlassung aus der Entgiftungsstation des Bürgerhospitals.

Michael B. (42 J.) +2010

Michael kannte ich seit meinem ersten Tag in der „Brücke“. Er war immer ein bisschen menschenscheu, was verständlich ist, nach dem was er über seine Kindheit und Jugend erzählt hat. Es hat mich sehr gefreut, dass ich sein Vertrauen gewinnen konnte. Er kam oft zu mir und erzählte. Ein Stück weit war er ein Lebenskünstler, der es vor drei Jahren noch geschafft hat, nach Indien zu reisen. Auch sonst hat er sich immer tapfer durchs Leben geschlagen, trotz Sucht, HIV und psychischer Erkrankung.

Bei unserem letzten Gespräch hat sich Michael ganz herzlich bei mir bedankt, dass ich ihn im Gefängnis immer wieder aufgesucht habe. Michael hat es gut getan, wenn er spüren konnte, da sucht jemand nach ihm. Das hat es ihm möglich gemacht, die Welt, die er oft als feindlich und ablehnend erlebt hat, auszuhalten. Lieber Michael, du hast in deinem Leben auf einen Gott vertraut, der dich sucht und annimmt, sowie du bist. Ich hoffe, dass er dich nun gefunden und aufgenommen hat.

Mario P. (39 J.) + 2010

Völlig überrascht hat mich Marios Tod. Gerade als es mit ihm und seiner Melanie aufwärts ging, machte der Tod viele Hoffnungen zunichte: Mario und Melanie hatten eine schöne Wohnung gefunden und wollten nun endlich heiraten. Vor zwei Jahren wurde ein Foto aufgenommen von Mario und mir. Neben meinem „Strahlegesicht“ wirkt Mario verletzt, nach innen gekehrt, angespannt, so als ob er das Lachen verlernt hätte. Das war eine Seite von Mario, die ich immer wieder erlebt habe: Mario mit einer tiefen Traurigkeit in seinen Augen. Geklagt hat Mario nie, aber erzählt hat er von dem, was ihn belastet: es war vor allem seine Familie, die er vermisst hat. Er kam sich ausgestoßen vor, einsam. Und da Mario von der Nordseeküste stammt, lässt sich sagen, er fühlte sich manchmal wie angeschwemmtes Strandgut, das niemand will.

Daggi (46 J.) +2010

Daggi war eine starke Frau, die in der Art, wie sie mit ihrer HIV-Infektion umgegangen ist, vielen Mut gemacht hat. Ihr Lachen, ihre Kraft, ihre Ehrlichkeit wirkten ansteckend. Einige in der Brücke erinnern sich, wie Daggi ihnen beim Renovieren ihrer Wohnung geholfen hat. Viele haben sie als engagierte Mitarbeiterin bei der Stuttgarter Tafel in Erinnerung. Am Aschermittwoch starb sie an den Folgen eines Hirntumors: Deine Schritte sind verhallt, deine Spuren sind überall.

Norbert (62 J.) +2009

Lieber Norbert, mir ist noch gut dein Satz im Ohr „Ich möchte mein Leben noch ein bisschen genießen, ohne Krankenhaus, ohne Infusionen, ohne Spritzen“. Nachdem die erste Chemotherapie nur teilweise geholfen hat, wolltest du keine zweite mehr beginnen. Eine mutige Entscheidung! Leider ging dein Wunsch nicht in Erfüllung und ich spürte, wie dir dein Leben immer mehr zur Last wurde und dir die Schmerzen jede Freude am Dasein raubten. Über Hilfsangebote hast du dich gefreut, sie aber doch oft ausgeschlagen. Ich glaube, dass dich mehr Menschen in guter Erinnerung haben, als du je vermutet hättest. Viele schätzten deine ruhige, sensible Art und deine Aufrichtigkeit. In der Brücke hängt nun ein Bild von dir, aufgenommen auf dem Bussen vor drei Jahren. Wir vermissen dich.

Neves

Baptista Neves wurde am 13. September 1958 in Samza Pomb, Angola, geboren. Er kam vor etwa zehn Jahren nach Berlin und wurde als politischer Flüchtling anerkannt. Seine Frau war durch eine Tretmine ums Leben gekommen. Seine Kinder leben bei den Großeltern, es besteht aber kein Kontakt. Die Botschaft vermutet, dass sie sich in einem anderen afrikanischen Staat aufhalten, da alle Suchanstrengungen erfolglos geblieben sind.

Neves, von Beruf Elektriker, arbeitete vor allem auf Baustellen, dort fand er viele Freunde, vor allem Portugiesen. Mit Freude kochte er manchmal für alle auf der Baustelle. Doch noch lieber passte er auf die Kinder seiner Kollegen auf, spielte mit ihnen und machte viel Quatsch. Ganz wichtig war für ihn die Freundschaft mit der portugiesischen Familie Da Silva, die später auch seine gesetzliche Betreuung übernahm.

Die Kinder der Da Silvas waren für Neves wie seine eigenen, er hat sich viel um sie gekümmert. Der Familie Da Silva ist von Anfang an aufgefallen, dass Neves wohl in Angola schlimme Erfahrungen gemacht haben muss, die ihn noch immer sehr belasteten. Oft habe er unter der Eckbank in der Küche geschlafen und hatte Angst, in ein Bett zu liegen. Oder er ist plötzlich aus Panik unter den Tisch gekrochen. Er hatte auch Angst vor Tieren aller Art; wenn jemand einen Hund oder Katze hatte, dann hat er ihn nicht besucht.

Bei einem Besuch in Heilbronn brach Neves zusammen, Epilepsie und Hirnblutungen. Er lag lange im Krankenhaus im Koma und die Ärzte glaubten nicht, dass Neves noch einmal aufwacht. Neves wurde in ein Altenpflegeheim auf die Wachkomastation verlegt. Dort ging es ihm körperlich zunehmend besser, psychisch aber nicht. Er war sehr unruhig, teilweise aggressiv. Die Mitbewohner und das Pflegepersonal haben darauf mit Ausgrenzung und Fixierung reagiert. Niemand hat sich die Mühe gemacht, herauszufinden, was Neves helfen könnte. Ziel war nur noch: Ruhigstellung und Separierung. Die AIDS-Hilfe Heilbronn wurde eingeschaltet, so entstand der Kontakt zu uns. Er ist im November 2006 bei uns eingezogen und hat uns gleich zu verstehen gegeben, er wolle Neves genannt werden und nicht bei seinem schönen Vornamen Baptista.

Neves war ein schwerkranker Mann, ihm ging es an vielen Tagen körperlich und psychisch sehr schlecht. Er war aber tapfer und zäh. Sein breites Grinsen ließ die Sonne aufgehen. Neves wurde schnell von allen Mitarbeitern und Bewohnern ins Herz geschlossen. Besonders gefreut
hat er sich über die Zuwendung unserer jungen weiblichen Mitarbeiterinnen, oder wenn jemand mit ihm portugiesisch oder französisch gesprochen hat.

Er mochte Musik, freute sich sehr über den Besuch von Kindern (Beas Sohn Leo und meine Tochter Lucy haben ihn ab und zu besucht). Neves hat sehr gern gegessen, er war ein richtiger Genießer. Oft hat er in einem Bildband von Angola geblättert, den ihm Thomas E. geschenkt hat. Er hat gern gemalt, sich für Fußball interessiert und gern gespielt. Nur sich helfen lassen; das war ihm anangenehm. Michaela, Krankenwohnung des DRK in Ludwigsburg

Andreas (34 J.)

Andreas tauchte eines Tages – es dürfte dieses Jahr im Januar gewesen sein – unerwartet in der Brücke auf und wurde „Stammgast“. So nach und nach erfuhr ich dann auch ein bisschen was über ihn und sein schweres Leben. Aufgewachsen ist er in einer Pflegefamilie, mit der er immer noch Kontakt hat.

Doch sein erstes selbst verdientes Geld in der Lehre gab er für Drogen aus und rutsche so in die Sucht ab. Schließlich landete auf der Straße und in verschiedenen Wohnheimen. Er war gerade aus der Haft entlassen und wurde mehr oder weniger freiwillig in der Karlshöhe in Ludwigsburg untergebracht.

Er erzählte, wie gut ihn die Aidshilfe Pforzheim während seiner dreijährigen Zeit im Heimsheimer Knast betreut habe. Sein Hauptproblem war, dass er ständig knapp bei Kasse war. Manchen ging er deshalb mit seiner Schnorrerei etwas auf den Geist, aber er fand auch Freunde (z.B. bei uns in der „Brücke“), die ihn so nahmen, wie er war.

Aber eigentlich war er ein Einzelgänger. Wir bemerkten, dass Andreas in letzter Zeit an Gewicht verlor. Sein Gesicht wirkte eingefallen und sein Lachen gezwungener. Es liege an einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse, verriet er mir, und fügte hinzu, er müsse ins Krankenhaus und ob ich ihn besuchen komme. Klar, versprach ich ihm, und weil ich wusste, welche andere Erwartung er an mich hatte, versprach ich ihm, ihn auch mit Tabak zu versorgen. Freitagabend kam er noch zur „Nacht der Solidarität“ und setzte sich an den Stand der „Brücke“.

Als wir uns danach verabschiedeten, wusste ich nicht, dass ich ihn nicht mehr wieder sehen würde. Zwei Tage später, am 8. Juni, brach Andreas auf der Straße zusammen und starb kurz danach im Krankenhaus.

Lieber Andreas, du hast so gut in den braunen Ledersessel in der „Brücke“ gepasst. Nun ist dieser Platz leer. Ich vermisse dich, denn auch wenn du manchmal nerven konntest, warst du ein lieber und netter Kerl. Ich habe gespürt, wie sehr du unter Zurücksetzung und Ablehnung gelitten hast. Ich wünsche dir Frieden.

Thomas

Achim (49 J.) +2008

Es ist Sonntag, 27. April 2008, 18.15 Uhr, im Katharinenhospital. Er ist einfach nicht mehr aufgewacht. Schnell kehrt der Krankenhausalltag wieder ein. Das Bett muss raus, der Tote gewaschen werden. Natürlich darf man das nicht selber tun. Die Vorschrift lautet, dass das eine Krankenschwester machen muss. Wir holen die Blumen und Achims Madonnenstatue aus dem Krankenzimmer und setzen uns um das Bett. Kerzen gibt es im Krankenhaus nicht. Wir nehmen Abschied. Wir reden mit ihm. Wir fassen ihn an und streicheln ihn. Ein Kuss auf den Kopf.

Es sind außer den Eltern etliche Freunde und Freundinnen anwesend. Silvia, die treue Seele, die täglich Stunden am Krankenbett ausgeharrt hat, schlägt vor, ein Vaterunser zu beten. Ich sage Achim Texte aus seinem so sehr geliebten Deutschen Requiem von Johannes Brahms. Singen kann niemand, deshalb bete ich den Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“. Thomas kommt mit einem Rosenkranz und einer Kerze, spricht ein Totengebet.

Nun klärt uns die diensthabende Ärztin auf, dass Achim von der Station muss. Im Untergeschoss gibt es einen Raum. Auf meine Frage hin, natürlich kein Kühlraum. Es seien dort nur hygienische Temperaturen. Dass es einen Abschiedsraum gibt, weiß die Ärztin nicht.

Ich bin den Eltern unendlich dankbar, dass sie einverstanden sind, Achim in seine Wohnung überführen zu lassen. Er liegt auf seinem Bett. Er hat warme Wollsocken an und ist mit seiner flauschigen Decke zugedeckt. Wo er doch immer so gefroren hat. Eine Kerze brennt. Er hört noch sein Requiem. Selig sind, die da Leid tragen… Genau vor einer Woche hat er dieses Stück noch in Pforzheim gehört.

Werner hat eine Flasche Wein gebracht, die wir gemeinsam trinken. Wir reden mit Achim und halten Totenwache. Dort liegt er noch bis zum übernächsten Tag. Freunde und Freundinnen kommen, um sich leise zu verabschieden. Viele sprechen noch ein letztes Gebet. Gerhard spielt ihm mit dem Cello Bachchoräle vor. Trubel hätte er hier nicht gemocht.

So wird er beerdigt werden: warm zugedeckt und mit warmen Socken. Seine Madonnenstatue, ein Bild von seiner Polly und die kleinen Geschenke und Blumen sind mit im Sarg. Dankbar bin ich für die Zeit, die ich im Krankenhaus noch bei ihm sein durfte. Dankbar bin ich dafür, dass ich dort bei der Körperpflege mithelfen durfte. Dankbar bin ich vor allem unserem Freund und Nachbarn Werner, Silvia und Toni und natürlich Frank. Sie waren täglich da. Danke Dir, lieber Thomas. Danke Frau Dr. Clement, die mich nie abgewiesen hat, wenn im Krankenhausalltag keine Zeit war. Danke allen Freunden und Freundinnen, die gekommen sind und gebetet haben.

Achim, nun können wir Dich nur noch auf Deinem letzten Gang begleiten. Ich danke sehr Deinen Eltern, dass sie mit allem einverstanden waren und hoffe, dass alles in Deinem Sinne geschehen ist. Achim, danke für Dich. Du warst ein besonders wertvoller Mensch.  Vielleicht erwartest Du uns an der großen Pforte, durch die auch wir noch gehen müssen.

Stuttgart, 1 Mai 2008, Alfred